Der dritte Band

Der dritte Band kam Oktober 2011 in den Handel.

Cover Vorne Band 3

 

Expose Band 3

Ein alter, astrologiekundiger Pfarrer sagt Wolf auf Grund seines Jahreshoroskops eine Begegnung voraus, welche aus den Tiefen seiner eigenen Vergangenheit auftauchen wird. Tatsächlich kommt Wolf kurze Zeit später auf merkwürdige Weise mit seiner Jugendfreundin Silvia, welche er seit fast vierzig Jahren nicht mehr gesehen hat, in Kontakt. Silvia begleitet ihn nach Gran Canaria, von wo aus er mit einem kleinen Flugzeug die Insel San Borondon suchen will. Tatsächlich gelingt es den beiden, diese geheimnisvolle Insel, welche in einer fernen Vergangenheit existiert hat, zu finden.

Aber auch mit Hilfe des Generals kann Wolf einen Blick in die Vergangenheit werfen. Mit dessen Chronoskop sieht er zwar alles nur in schwarz-weiß, kommt aber dabei sogar bis an Adolf Hitler heran, dem er mittels eines Laser Beamers durch das Chronoskop eine Erscheinung schickt, um ihn vom Angriff auf Russland abzuhalten. Wolf wird von einem Forstarbeiter am Obersalzberg der geheime Ritualraum N3 gezeigt und der General berichtet vom Mausoleum des Führers, welches sich dieser am Untersberg errichten ließ. Wolf lädt ihn anschließend in den Gasthof Kugelmühle am Ende der Almbachklamm ein, wo sie den Wirt namens Anfang treffen.

Anlässlich eines Besuches in Ägypten fährt Wolf mit Silvia durch die Berge nach Luxor und trifft dort den Grabräuber Rassul, welcher ihnen tief unter seinem Haus in Qurna eine geheime Drehtür zeigt, hinter der sein Bruder auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Auch hier spielen wieder die Schwarzen Steine eine Rolle. Mit Linda geht Wolf noch einmal durch den Hologramm Eingang in den Untersberg und gelangt mit ihr in eine völlig fremde Gegend im Jahr 2029. Eine kurze Unterhaltung mit Leuten von dort eröffnet ihnen Perspektiven zu den alten Prophezeihungen.

Josef, der Geheimdienstmann vom BVT bekundet ebenfalls sein Interesse an Wolfs Entdeckungen am Berg. Schließlich führt der Forstarbeiter vom Obersalzberg Wolf noch zu einem uralten Stollen, in dem, wie sich später herausstellt, der General zu Kriegsende noch mehr als eine Tonne Uranoxid verstecken ließ. Auch eine Art Flaschenpost, ein unvollendetes Manuskript aus den siebziger Jahren, wird in einer Höhle, nahe dem Dorf am Untersberg entdeckt. Es sind dreizehn Blätter eines bekannten Autors, welcher ebenfalls seltsame Erlebnisse am Berg gehabt hatte.

Durch den General wird Linda und Wolf ein Ausflug in das Jahr 1818 ermöglicht. Sie fahren mit einem Salzschiff nach Oberndorf, wo sie die Uraufführung des weltbekannten Liedes „Stille Nacht – Heilige Nacht“ miterleben dürfen. Ein polnischer Franziskanermönch aus Berchtesgaden, den die beiden im Winter beim Meditieren in der Almbachklamm treffen, erzählt ihnen von einem Ritual des Isais, durch welches das Neue Zeitalter beginnen würde.

Tino, ein Australier, österreichischer Abstammung, ebenfalls Rosenkreuzer, wie Wolf, kommt nach Salzburg, um in einer uralten Kirche am Ettenberg, wo einst die Templer auf Geheiß der Isais ihre erste Komturei errichteten, ein Ritual abzuhalten, welches Wolf durchführen soll. Letztendlich gibt sich der Illuminat Becker, als einer der Anderen zu erkennen und zeigt Wolf in der Nähe des Hochsicherheitsarchives am Fuße des Untersberges in einer Art dreidimensionaler Bildschau Schlüsselszenen aus seinem Leben, sowie einen Blick auf die Zukunft.

 

Leseprobe Band 3

Kapitel 6

San Borondon

Früh am Morgen fuhren sie zu dem kleinen Flugplatz El Berriel im Süden von Gran Canaria. Silvia trug enge Jeans und einen kesses, weißes T-Shirt. Auch als sie dann das Flugzeug, eine einmotorige Piper sah, konnte Wolf keine Unruhe in ihrem Gesicht erkennen. Der Flugplan war rasch erstellt und der Flieger stand bereits aufgetankt vor dem Hangar. Nach einer Viertelstunde hoben sie von der kleinen Startbahn in Richtung Fuerteventura ab. Seit über einer Stunde waren die drei bereits in dem kleinen Flugzeug über dem Atlantik unterwegs. Nur einhundertfünfzig Meter unter ihnen waren die schaumgekrönten Wellen und die tosende Brandung an der wildromantischen Westküste von Fuerteventura zu sehen. Silvia schaute interessiert auf die bizarren Felsformationen hinunter, während Wolf das kleine Flugzeug auf der richtigen Höhe hielt. Freilich wäre das Fliegen in größerer Höhe ein wenig einfacher gewesen, aber sie wollten ja soviel wie möglich von dieser ansonsten so unzugänglichen Gegend sehen. Raiko, der spanische Co Pilot bediente das Funkgerät, als plötzlich eine Warnung von der Flugleitstelle Canaria Control einging. Zwei F 16 Kampfflugzeuge, welche in eintausend Fuß unterwegs waren, würden sie in Kürze überholen. Raiko erinnerte Wolf, exakt die gemeldete Höhe von fünfhundert Fuß einzuhalten, was dieser auch tat. Es dauerte kaum eine Minute, da konnte Wolf auf der linken Seite in einer Entfernung von nur fünfzig Metern direkt auf seiner Höhe den ersten der beiden Kampfjets vorbeiflitzen sehen. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er den Piloten in der Militärmaschine mit seinem Helm und Sauerstoffschlauch. "Die fliegen meistens etwas tiefer, als angegeben", meinte Raiko gelassen und auch Silvia, welche den Funkverkehr ebenfalls mithören konnte, schien nicht sonderlich beeindruckt vom eben Geschehenen. Für Wolf aber war das ein "Beinahe Zusammenstoß" und der Schock saß ihm noch Minuten später in den Gliedern. Kurz danach erreichten sie die Stelle an der vor Jahren die "American Star", ein Schiff, fast so groß, wie einst die Titanic, gestrandet war. "Raiko, Silvia, schaut, da unten". Der kleine etwa fünf Meter große schwarze Fleck im Meer, unweit des Strandes, war der letzte Rest des einstigen Ozeanriesen, der in den neunziger Jahren hier gestrandet war.

"Ich übernehme!", sagte Raiko "dann könnt Ihr in Ruhe schauen und fotografieren". Mit diesen Worten griff er ans Steuer des Flugzeuges und setzte zu einer Steilkurve über der Stelle des Schiffswrackrestes an, wobei er schließlich das kleine Flugzeug so sehr in die Kurve steuerte, dass sie alle mit dem Kopf leicht nach unten durch die enorme Fliehkraft in ihre Sitze gepresst wurden. Das war jetzt auch für Silvia zuviel. Anstatt zu fotografieren, schloss sie ihre Augen. Wolf wollte Raiko in dieser extremen Fluglage nicht stören und hoffte nur, dass der Spanier dieses Manöver so rasch wie möglich beenden würde. Ein kleiner Abwind in dieser geringen Höhe hätte fatale Folgen gehabt. Als dann nach weiteren zehn Minuten abermals eine Funkmeldung über drei, im Tiefflug entgegenkommende Kampfjets kam, waren alle drei bereits schon abgehärtet genug, um nicht in Panik zu verfallen. Sie sahen die anfliegenden F 16 als kleine Punkte am Horizont, welche nach wenigen Sekunden kurz vor ihnen, ebenfalls wieder in gleicher Höhe auftauchten und sofort in einen Steigflug übergingen. Das Geräusch der dabei von den Kampfjets aktivierten Nachbrenner ließ die kleine Piper erzittern. Eine Viertelstunde später kam dann die Insel Lanzarote in Sicht, an deren unerschlossener Westseite sie in geringer Höhe entlang flogen. Silvia, für die es das erste Mal war, in so einer kleinen Maschine über dem Atlantik zu fliegen, war beeindruckt von der Lavalandschaft von Timanfaya, wie das Naturreservat hieß. Sie passierten zuerst die Salinen von Janubio, welche sich einige hundert Meter landeinwärts erstreckten. Dort wurde schon seit über einhundert Jahren Meersalz gewonnen und sie konnten die großen weißen Salzhaufen sehen. Einige Kilometer weiter erreichten sie dann den halb abgebrochenen Vulkan von El Golfo, mit seinem smaragdgrünen Kratersee, welcher nur durch einen schmalen, schwarzen Sandstrand vom Meer getrennt, direkt an der wildromantischen Küste lag. Bevor sie jedoch die Nordspitze von Lanzarote erreichten, drehte Wolf aufs offene Meer ab. Raiko ließ sich von Canaria Control eine Reiseflughöhe von viertausendfünfhundert Fuß genehmigen. Sie flogen nun mit Westkurs, direkt auf Teneriffa zu. Bis zum Nord Flughafen Los Rodeos, wo ihr Flugzeug aufgetankt werden sollte, waren es ungefähr dreihundert Kilometer. Sie würden für diese Strecke fast zwei Stunden benötigen und der Großteil führte nun über das offene Meer. Die Wolken waren schon seit Lanzarote verschwunden. Ab und zu war ein Schiff zu sehen, ansonsten nur die dunklen, schaumgekrönten Wellen des Atlantiks.

Als sie die Küste von Teneriffa erreichten und über der Stadt Santa Cruz direkt auf den Flughafen zusteuerten, wurde ihnen von Los Rodeos auch schon die Landefreigabe für die Runway 30 erteilt. Da dieser alte Flughafen von Teneriffa auf gut sechshundert Metern über dem Meer liegt, musste Wolf gar nicht so viel an Höhe abbauen, wie es auf den anderen kanarischen Flugplätzen der Fall war. Endlich konnten die drei nun aussteigen und sich einen Kaffee gönnen, während ihre Maschine aufgetankt wurde. Nach dieser kurzen Pause starteten sie in Richtung der Südspitze der Insel La Palma. Als sie in die Nähe der Insel kamen, ging Wolf wieder auf die geringe Höhe von fünfhundert Fuß hinunter. "Wo willst du eigentlich hin?" fragte Raiko und studierte die Flugkarte, welche er auf seinem Knie ausgebreitet hatte. "Nur zwanzig Meilen an La Palma vorbei, dann kehren wir wieder um und fliegen zurück nach Gran Canaria." Raiko wunderte sich, ließ es aber dabei bewenden. Nur Silvia wusste, was Wolf suchte. Sie flogen jetzt südwestlich der Insel La Palma, immer noch in sehr geringer Höhe, als plötzlich eine dichte Wolkenbank, welche fast bis auf das Meer hinunter reichte, vor Ihnen auftauchte. "Wir können ohne weiteres so tief durch den Nebel fliegen, hier draußen ist nichts mehr – bis Amerika", lachte Raiko. "Steuere etwas weiter nach links, zu dem hellen Fleck im Nebel!", sagte Silvia plötzlich in einem fast befehlenden Ton, welchen man von ihr gar nicht gewohnt war. "Dort zu dem hellen Punkt im Nebel!", ergänzte sie noch. Wolf wollte fragen, weshalb er die Flugrichtung ändern sollte und drehte sich kurz zu ihr um. In diesem Moment sah er in Silvias Augen. Sie hatte grüne Augen, aber das war ihm bis jetzt noch nie so richtig zu Bewusstsein gekommen. Nun erinnerte er sich an die Worte des alten Priesters: "Die grünen Augen des Jägers aus der Vergangenheit werden dich leiten…" Wolf fiel es wie Schuppen von den Augen. – Silvia war seit Jahren Jägerin und sie hatte schon so manchen kapitalen Hirsch zur Strecke gebracht. Ja, und nun war sie, seine Jugendfreundin, nach vierzig Jahren wieder aufgetaucht. Sie verstand zwar bestimmt nicht viel von der Fliegerei und schon gar nichts von der Navigation im Cockpit, aber es war Wolf in diesem Augenblick völlig klar, dass er nur ihren Anweisungen zu folgen brauchte. Er wusste eigentlich nicht warum er es tat, aber er steuerte die Maschine direkt auf den hellen Fleck mitten im Nebel zu. "Das GPS findet keine Satelliten mehr, auch der Funk ist total ausgefallen!" stammelte Raiko plötzlich und blickte dabei verstört auf die Flugzeuginstrumente.

Auch Wolf checkte die Instrumente und musste erkennen, dass der Magnetkompass um über fünfzehn Grad in eine andere Richtung wies. Anstatt den Kurs 270° zeigte der Kompass nun 285°. Der Kreiselkompass hingegen zeigte noch immer den ursprünglichen Kurs an. Im nächsten Moment lichtete sich der Nebel und alle drei erblickten eine Insel mit zwei Vulkanen. Sie war nicht sehr groß und hatte kaum Vegetation. "Was ist das für eine Insel?", fragte Raiko. Hier dürfte absolut nichts außer dem Meer sein! Wo sind wir hier eigentlich?" Raiko glaubte offensichtlich an einen Fehler in der Navigation. "Die Frage sollte eigentlich lauten: "Wann sind wir"? meinte Wolf zu Silvia gewandt und sie verstand seine Andeutung, dass sie sich samt dem Flugzeug in einer fernen Vergangenheit befinden mussten. Sie drehten einige Runden um die Insel und flogen dabei direkt in die beiden Krater der Vulkane hinein. Diese waren zwar erloschen, sahen aber dennoch etwas furchterregend aus. Wolfs Kamera klickte pausenlos. Solche Bilder würde er nie wieder machen können. Die Insel war völlig ohne Zivilisation, auch keine Fauna schien hier angesiedelt zu sein. Einzig ein paar Stellen, an denen Moos oder spärlicher Grasbewuchs zu sehen war. Wolf zog die Maschine instinktiv etwas höher. Eine Notlandung hier hätte ihr Ende bedeutet. Niemand würde ihre Funksignale hören. Sie wären Gefangene in der Vergangenheit vor zig Jahrtausenden gewesen. Als Silvia bemerkte, dass sich Wolf wieder für den Rückflug entschieden hatte, rief sie ins Bordmikrofon: "Halte den Kurs genau zwischen den beiden Vulkanen und gehe über dem Meer etwas tiefer hinunter, dann kommen wir wieder an der selben Stelle heraus, wo wir hineingeflogen sind." Raiko verstand jetzt gar nichts mehr. Weshalb sollten sie die Insel an einer gewissen Stelle verlassen? Plötzlich kam wieder der dichte Nebel auf und nach einer knappen Minute waren sie wieder draußen und konnten jetzt aus der Ferne die Westseite der Insel La Palma mit ihrem großen Bergrücken und den darauf befindlichen Vulkanen sehen. "Das GPS funktioniert wieder und auch der Funk ist wieder ok", freute sich Raiko. "Was war da jetzt eigentlich los?" Wolf konnte und wollte ihm keine Erklärung geben, Raiko hätte es vermutlich ohnehin nicht verstanden. Er ging in den Steigflug über und nach kurzer Zeit überflogen sie die Vulkane von La Palma.

"So, für heute ist es genug, ich nehme jetzt Kurs auf Gran Canaria. Wenn der Rückenwind so bleibt, dann sind wir in einer Stunde in El Berriel und zum Abendessen wieder in unserem Hotel. Raiko gab noch über Funk die Flugroute an die Kontrollstelle in Teneriffa durch und dann ging es über dichten Wolken, welche wie eine Winterlandschaft aussahen, in Richtung Gran Canaria. Linker Hand ragte in einiger Entfernung der schneebedeckte Gipfel des viertausend Meter hohen Teide auf Teneriffa aus der Wolkendecke. Abermals fragte Raiko, dem die ganze Sache suspekt geworden war: "Weißt du, ich habe schon einiges in der Fliegerei erlebt, aber so etwas kann es ja einfach nicht geben". "Frag doch den Commodore, den ehemaligen Leiter der Flugschule von El Berriel, den alten Fernandez. Der hat mir vor Jahren schon einmal von der geheimnisvollen Insel "San Borondon" erzählt. Es war in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Er wollte mit einer zweisitzigen Maschine zu den Inseln La Gomera und dann weiter nach La Palma fliegen. Nach einer Landung auf dem hoch gelegenen, kleinen Rollfeld in La Gomera startete er wieder in Richtung La Palma. Nebel kam plötzlich auf. Fernandez ließ das kleine Flugzeug bis auf fünfzig Meter über dem Meer sinken. Er hatte nur noch Sicht nach unten auf die Wellen. Auf einmal lichtete sich der Nebel und einige Kilometer vor ihm sah er eine Insel, wo normalerweise nur Wasser sein dürfte. Fernandez musste steigen, denn da waren zwei Vulkane, welche doch beträchtlich in die Höhe ragten. Er umflog das kleine Eiland und erblickte dabei eine dichte Vegetation, die bis an die felsige Küste ragte. Zwei oder drei Riesenechsen, ähnlich Waranen, jedoch mindestens vier Meter lang, sah er zwischen den großen, ihm absolut unbekannten Bäumen herumkriechen. Fernandez wusste nicht, wie ihm geschah. Er steuerte seine Maschine rasch wieder durch den Nebel zurück und erblickte kurz danach die Westküste der Insel La Palma. Beinahe hätte man ihm damals den Pilotenschein abgenommen, als er nach seiner Rückkehr am Flugplatz von seinem mysteriösen Erlebnis erzählte. Er wurde selbst von seinen Fliegerkameraden belächelt. Niemand glaubte ihm auch nur ein Wort". Raiko hatte Wolf stumm zugehört. "Fernandez ist schon seit Jahren im Ruhestand, aber du weißt sicher wo er zuhause ist. Fahr zu ihm und frage ihn. Mir hat er seine Geschichte ja schließlich auch erzählt".

Mittlerweile waren sie an der Südspitze von Gran Canaria angelangt und Wolf verließ die Reiseflughöhe. Sie stießen durch die dichte Wolkenschicht nach unten und kamen dank der genauen Routenführung durch Raikos GPS direkt vor den Dünen von Maspalomas wieder ins Freie. Am Funk erfuhr Raiko von seinem Bruder, der ebenfalls Flight Instructor in El Berriel war, dass ein starker Seitenwind mit fast dreißig Knoten am Beginn der Runway 07 herrschte. Am Ende der Landebahn war dann nur noch Gegenwind zu erwarten. Raiko fragte Wolf, der ja bei diesem Flug Pilot in Command war, ob er landen dürfe, da er mit solchen extremen Windsituationen besser vertraut war. Wolf überließ Raiko das Steuer und verlegte sich aufs Fotografieren. Raikos anfängliche Unruhe wegen des starken Seitenwindes hatte sich auch auf Silvia übertragen. Aber nachdem die Landung ohne jegliche Probleme sanft erfolgte, war auch ihre Laune wieder bestens. Als Wolf im Büro der Flugschule die Strecke und die Zeiten in sein Flugbuch eintrug und dabei auf seine Armbanduhr schaute, bemerkte er, dass die Uhr um fünfundzwanzig Minuten weniger anzeigte. Aber er behielt das vorerst für sich, da er Raiko nicht noch mehr verunsichern wollte. Beim Verabschieden, meinte Wolf noch zu ihm: "Deinen Fliegerfreunden würde ich an deiner Stelle nichts von unserem Erlebnis erzählen. Denke an Fernandez und – wie schon gesagt – rede einmal mit ihm." Silvia schaute Raiko mit einem mitleidigen Lächeln nach und meint zu Wolf: "Den armen Kerl haben wir jetzt ordentlich durcheinander gebracht. Ich glaube der braucht heute noch einen Whisky." "Und wir beide werden uns jetzt an der Hotelbar eine Sangria genehmigen, ich habe dir nämlich noch etwas zu sagen und außerdem muss auch ich die Geschichte mit San Borondon erst einmal verdauen". Ihr Auto am Parkplatz war von der Hitze des Tages noch gut aufgewärmt. Wolf startete den Mietwagen. In fünfzehn Minuten würden sie wieder in Maspalomas in ihrem Hotel sein.

Als sie dann an der Bar saßen und sich einen Krug Sangria bestellten, meinte Wolf: "Weißt du, ich habe über diese Kompassabweichung nachgedacht, welche wir bei dieser Insel gehabt haben. Das waren gut fünfzehn Grad. Das heißt wir könnten damit vielleicht die Zeit eingrenzen, in welcher wir uns befunden haben". Silvia schaute Wolf erstaunt an. "Wie soll das möglich sein? Was hat die Kompassabweichung mit der Zeit, in der diese Insel existierte zu tun?" "Na ja, der magnetische Nordpol war nicht immer dort, wo er sich heute befindet. Ich weiß von meiner Pilotenausbildung, dass sich dieser im Lauf der Zeit immer verschoben hat. Wir brauchen jetzt also nur nachzusehen, wann seine Position so war, wie wir es gesehen haben." Kurze Zeit später in ihrem Zimmer, als Wolf mit seinem kleinen Notebook über das Hotel Netzwerk im Internet recherchierte, wussten sie, dass diese Position des magnetischen Nordpols das letzte Mal vor zirka fünfzigtausend Jahren so gewesen sein sollte. "Fünfzigtausend Jahre!", Silvia schaute vom Balkon aufs Meer hinaus, "das kann man sich gar nicht vorstellen. Kann denn so Etwas überhaupt möglich sein?" "Weißt du, ich glaube die Zeitspanne spielt dabei keine Rolle. Und dass so ein Zeitsprung existieren kann, das habe ich am Untersberg schon mehrere Male hautnah erlebt", erwiderte Wolf. "Und bevor ich es vergesse, wir haben es auch hier mit einer kleinen, dauerhaften Zeitverschiebung zu tun gehabt. Sieh einmal auf meine Armbanduhr und vergleiche sie mit der Uhr am Fernsehgerät." Silvia wunderte sich, als sie den Unterschied sah. 

Wolf lachte. "Aber nimm es nicht tragisch, immerhin bist du jetzt um fünfundzwanzig Minuten jünger als deine Umgebung!" Er würde dem General beim nächsten Treffen von seiner Entdeckung berichten. Vielleicht würde ihm dieser auch etwas über die blauen Kristalle sagen. Besonders ihr Verwendungszweck, wäre für Wolf von Interesse gewesen. Nach einem relativ ruhigen letzten Tag, mit einer zweistündigen Geländefahrt auf besseren Eselpfaden in den Bergen Gran Canarias kam dann wieder der Rückflug, welcher Wolf und Silvia recht kurz vorkam. Aber es waren eigentlich nur die intensiven Gespräche der beiden, welche die Zeit wie im Fluge vergehen ließ. Und es drehte sich alles um diese geheimnisvolle Insel San Borondon. "Mit meinem Verstand kann ich das zwar immer noch nicht begreifen, aber dass die Insel wirklich da war, haben wir ja schließlich gesehen und Fotos hast du ja auch eine Menge gemacht", meinte Silvia und lehnte sich in den Flugzeugsitz zurück. "Vermutlich gibt es viele solcher Zeitportale auf unserer Erde. Man kann sie nicht sehen und dennoch dürften sie existieren. Wer weiß wie viele ungeklärte Fälle von verschwundenen Leuten sich damit erklären ließen? Mag sein, dass auch diese Phänomene eines Tages erforscht sein werden." Sie würden in einer Stunde wieder in München landen. Auch Wolf senkte die Lehne seines Sitzes ab und versuchte noch etwas zu schlafen.

 

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Kapitel 29

Stille Nacht, Heilige Nacht

Sie mussten vorsichtig den vereisten Weg zur Brücke hinaufgehen. Hier herrschte ein reges Treiben. Es standen schon mehrere Fuhrwerke bereit, um die Ladung des soeben angelandeten Schiffes zu übernehmen. Als Wolf und Linda die hölzerne Brücke erreichten, kam ein Wächter in einer Uniform aus einem Häuschen am Brückenkopf. Als er sah, dass hier zwei Mönche daherkamen, rief er nur: „Ihr könnt passieren!“ Wolf beugte sich zu Linda und meinte leise, „Siehst du, jetzt hätten wir beinahe unsere Reisepässe gebraucht, das war doch die Grenze“. Linda antwortete nicht und blickte zu Boden, sie hatte ein wenig Angst, dass sie entdeckt werden könnten. Von der Brücke aus konnten Sie noch sehen, wie ein weiteres Salzschiff geschickt von den Fährleuten um die Flussschleife manövriert wurde und ebenso zur Anlegestelle fuhr, wie das Boot mit dem sie hierher gekommen waren. Sie sahen auch schon die Nikolakirche, in welcher heute Abend das Lied „Stille Nacht“ zum allerersten Mal gespielt werden sollte. „Wir werden jetzt erst einmal zum Pfarrer gehen, der soll uns dann sagen, wo wir den Lehrer, der die Melodie für unser Lied geschrieben hat, finden können“, sagte Wolf zu Linda. Die Kirche und das Pfarrhaus lagen ein Stück flussaufwärts. Sie gingen an der Ufermauer entlang, während den beiden der eisige Wind, der hier am Wasser noch kälter zu sein schien, ins Gesicht blies. Als sie das Pfarrhaus betraten kam ihnen die Köchin bereits entgegen. Nachdem ihr die zwei von ihrer Fahrt am Fluss und ihrem Vorhaben, die Christmette in Sankt Nikola zu besuchen erzählt hatten, meinte sie: „Unser Herr Pfarrer, Hochwürden Nöstler ist gerade nicht hier, Ihr könnt aber im Pfarrhof auf ihn warten, ich werde Euch etwas heißen Tee machen, Ihr seht ja richtig durchgefroren aus.“ Wolf und Linda waren froh, nach so vielen Stunden in der Kälte nun endlich wieder in einer behaglichen, warmen Stube sitzen zu können.

Es dauerte nicht lange, da hörten die beiden hinter einer Türe aus einem anderen Raum Gitarrenklänge und Stimmen zweier Männer. Wolf klopfte an. Es öffnete ein Mann, von etwa dreißig Jahren und bat die beiden vermeintlichen Mönche herein. Der junge Mann hatte eine Gitarre in der Hand und hinter ihm im Zimmer saß ein Pfarrer, der noch jünger zu sein schien, als der Mann mit der Gitarre. „Wir sind Franziskanermönche, auf der Durchreise“, begann Wolf, „und möchten hier in der Sankt Nikola Kirche heute zur Christmette dabei sein. Wir haben Euere Gitarre gehört und wollten fragen, was das für eine schöne Melodie ist, die Ihr da soeben gespielt habt?“ „Es freut uns, dass Ihr gekommen seid, um die heilige Messe mit uns zu feiern“, antwortete der junge Pfarrer, aber dieses Jahr wird es kaum so feierlich werden, als sonst, denn dieses Jahr fällt unsere Orgel aus.“ „Ich bin aushilfsweiser Organist in dieser Kirche, ich habe die Orgel spielen wollen, aber da ist nichts mehr zu machen“, sagte der andere junge Mann.“ Linda versuchte mit tiefer Stimme zu sprechen: „Sind Sie der Lehrer Franz Xaver Gruber, der unweit von hier an einer kleinen Schule unterrichtet?“ Erstaunt erwiderte dieser: „Ja, Patres, der bin ich. Aber wie schon Hilfspfarrer Mohr gerade gesagt hat, wird es heuer eine sehr einfache Christmette werden. Wir haben vor einigen Tagen beschlossen, anstatt der feierlichen Orgelmusik ein Lied mit Gitarrenbegleitung zur Mette zu spielen. Den Text dazu hat Josef“, er deutete dabei auf den Pfarrer, „bereits vor zwei Jahren geschrieben, es sollte eigentlich ein Gedicht sein. Und ich habe nun dazu eine Melodie komponiert. Jetzt proben wir das Ganze noch einige Male, damit es dann in der Nacht auch ohne Fehler gespielt wird. „Dürfen wir zuhören bei Eurer Probe? fragte Linda. „Freilich, dann setzt Euch auf die Bank, ich hole Euch noch Euren Tee herein, aber der ist in der Zwischenzeit bestimmt schon kalt geworden“, gab der Lehrer zur Antwort. Pfarrer Mohr entzündete eine Kerze am Tisch, da es mittlerweile draußen schon dunkel geworden war. Sie setzten sich nieder und die beiden jungen Männer begannen bei Kerzenschein das Lied zu singen. Ein Weihnachtslied das einst um die ganze Welt gehen sollte. Es war ergreifend für Wolf und Linda, als sie nun dieses weltberühmte Lied direkt von den Komponisten zu hören bekamen. Nachdem sie alle sechs Strophen gesungen hatten, legte der Lehrer Gruber seine Gitarre beiseite und fragte: „Wie gefällt es Euch?“ 

Linda, welche vor Rührung kaum zu einem Wort fähig gewesen wäre, saß nur noch stumm da. Wolf erging es ebenso, er stand auf und schüttelte jedem der beiden die Hand und sagte: „Ich gratuliere Euch! Ihr könnt mir glauben, das wird ein großer Erfolg werden.“ „Wir wollen hoffen, dass die Schiffer bei der Mitternachtsmesse nicht enttäuscht sein werden. Als Organist wäre mir die Orgel schon lieber gewesen“, antwortete der Lehrer. Jetzt stand auch Linda auf und gratulierte den beiden. Als sie dem Lehrer die Hand gab, rutschte der Ärmel ihres Pullovers unter der Kutte hervor. Gruber griff den Stoff an und meinte: „Das ist ja ein wunderbar gewebtes Stück, ein edler Stoff, woher habt Ihr das, wo gibt es so etwas zu kaufen? Ihr müsst wissen, ich habe seit meiner Jugend viele Jahre bei meinem Vater am Webstuhl gearbeitet und da habe ich ein Auge für so etwas.“ Linda wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Dieser Gruber war ja als Lehrer schließlich ein Kollege von ihr und sie wollte ihn deshalb auch nicht anlügen, also antwortete sie, „Solche Stoffe werden mit speziellen Webverfahren hergestellt, die man hierzulande nicht kennt, aber wir sind als Wandermönche viel auf Reisen und da gibt es schon manchmal Dinge die sehr seltsam sind“. Wolf fragte den Lehrer, ob sie das Lied nochmals spielen könnten, dann würden er und Linda auch gerne mitsingen. Dieser entgegnete: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie Sie den Text des Liedes so schnell behalten haben sollten, es sind doch immerhin sechs Strophen und Sie haben ihn doch erst einmal gehört! Der Kirchenchor hat einige Zeit gebraucht um sich den Text zu merken.“ „Wir werden es einfach versuchen“, meinte Linda und Gruber griff zur Gitarre. Dann sangen alle vier gemeinsam im Pfarrhof bei Kerzenschein das großartige Weihnachtslied. „Das ist fast unglaublich“, staunte der Hilfspfarrer, „Sie haben alle Strophen mitgesungen, so als ob Sie dieses Lied schon immer gekannt hätten. Ich werde mich freuen, wenn Sie heute bei der Mitternachtsmesse auch mitsingen können. „Das werden wir“, antwortete Wolf, „es wird uns eine Ehre sein.“

Der Lehrer antwortete: „Der alte Pfarrer hier in Altach, ein richtig sturer Mensch, will zwar nicht, dass in der Kirche Gitarre gespielt wird. Außer der Orgel kommt für ihn nichts anderes in Frage. Wir werden aber trotzdem singen und die Gitarre ist auch dabei. “ „Eine Frage habe ich noch“, meinte Wolf, „wissen Sie, wo wir hier eine Unterkunft für heute Nacht bekommen können? Morgen müssen wir ohnehin wieder weiter.“ „Wir haben hier im Pfarrhaus noch eine Kammer mit Betten, da können Sie übernachten“, ergänzte der Hilfspfarrer“. „Herzlichen Dank für die Gastfreundschaft. Unser Herr möge es Ihnen vergelten. Wir möchten uns draußen noch etwas umsehen, aber keine Sorge, wir werden pünktlich zur Messe in der Kirche sein.“ Mit diesen Worten erhoben sich Wolf und Linda und gingen in die eisige Winternacht hinaus. Die Kirche stand unweit des Flusses und sie spazierten am Uferweg entlang. Der Wind war mittlerweile heftiger geworden. „Wie gut, dass ich meine Angora Unterwäsche angezogen habe“, meinte Linda und Wolf lachte: „Ein Mönch vor zweihundert Jahren, mit moderner Unterwäsche, das ist doch ein bisschen kurios, meinst du nicht?“ „Und du“, gab Linda schnippisch zurück, „du hast doch einen Power Laser in deiner Kutte eingesteckt. Ist das nicht auch eine Kuriosität?“ „Gut dass du mich an den Laser erinnerst, damit können wir jetzt nachsehen, wie spät es ist.“ Schemenhaft konnten sie am gegenüberliegenden Ufer des Flusses die Stiftskirche der Grenzstadt Laufen sehen. An deren Turm waren im Gegensatz zu dem der Nikola Kirche vier Zifferblätter angebracht, die man aber jetzt in der Nacht nicht mehr sehen konnte. Wolf nahm seinen grünen Laser heraus und stellte ihn so ein, dass er wie der Strahl eines stark gebündelten Scheinwerfers funktionierte. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass niemand in der Nähe war, zielte er auf den Turm der Stiftskirche und drückte auf den Einschaltknopf. Nach wenigen Sekunden konnten die beiden am hellgrün erleuchteten Ziffernblatt die Uhrzeit ablesen. Es war acht Uhr abends. Rasch schaltete Wolf den Laser wieder aus und steckte ihn in seine Tasche.

Nun setzte auch noch leichter Schneefall ein. Es wurde etwas ungemütlich und daher suchten sich die beiden ein Wirtshaus, wo sie ein warmes Essen bekommen konnten. Außer dem Wirt befand sich niemand in der Gaststube, es war ja Heiliger Abend, da saßen auch die Schiffsleute bei Ihren Familien zuhause. Wolf wusste bereits seit dem Ausflug in die Mozartzeit, dass Bier in dieser Zeit nicht das geeignete Getränk für sie war. Es sah nicht gerade appetitlich aus und es schmeckte auch nicht gut. So entschied er sich wieder für einen Krug Wein, welchen der Wirt, nachdem ihm Wolf seine Silbertaler gezeigt hatte, auch gerne brachte. Zu Essen bekamen Sie nur Fisch, da Fleisch am Heiligabend nicht serviert wurde. Die Schiffleute würden allesamt zur Christmette kommen, meinte der Wirt. Als Dank an den Herrn, der sie vor Unheil auf dem Fluss bewahrt hatte. Die Wirtsfrau kam plötzlich von draußen zur Tür herein und sagte ganz aufgeregt: „Heute ist eine besondere Nacht.“  „Ja“, erwiderte Wolf, „die Weihnacht, der Tag an dem unser Herr geboren ward“. „Nein, so meine ich das nicht! Die Frau des Bäckers, die Metzgersgattin und ich sind gerade in ihrer Stube am Fenster gesessen, da war auf einmal ein grünes Licht über der Salzach, so als wenn der Stern von Bethlehem erstrahlen würde. Und plötzlich leuchtete das Ziffernblatt am Turm der Stiftskirche hell, wie am Tage. Das war ein Zeichen des Himmels. Wir haben es alle drei gesehen.“ Der Wirt winkte ab, „Ach was, Weibergeschwätz! Ihr werdet zuviel Rum in euren Tee geschüttet haben. Da sieht man dann schon manchmal Dinge, die nicht von dieser Welt sind.“ „Wie recht er hat“, antwortete Wolf, „die Wege des Herren sind sonderbar und wenn die Turmuhr zu Leuchten anfing, dann sollte uns das als Hinweis dienen, dass es noch nicht zu spät ist.“ Und zu Linda flüsterte er leise, „noch nicht zu spät zum Abendessen, wenn wir noch in die Mette wollen“. Sie ließen sich den Fisch schmecken und auch der würzige Wein war gut zu trinken. Wolf erkundigte sich noch beim Wirt, wie sie am nächsten Tag wieder zurück nach Salzburg kommen könnten. Als dieser hörte, dass die beiden Mönche mit einer Postkutsche nach Salzburg fahren wollten und sich das offenbar auch leisten konnten, meinte er: „Wenn die Padres wollen, so fahre ich Sie mit meinem Wagen, er ist zwar nicht ganz so komfortabel, wie eine richtige Kutsche, aber bis Salzburg ist es schon auszuhalten. Wolf vereinbarte einen Fuhrlohn, mit dem der Wirt sehr erfreut war. 

Am nächsten Morgen würde er sie um acht Uhr beim Pfarrhof abholen. Die Turmuhr schlug zehn, es war an der Zeit zur Kirche zu gehen, denn bald würde die Mitternachtsmesse beginnen. Es schneite immer noch ein wenig, während sie durch den Schnee zur Nikola Kirche stapften. Schon von weiten sahen sie durch die vier großen Fenster, dass das Gotteshaus bereits hell erleuchtet war. Beim Eintreten konnten sie erkennen, dass auch schon einige Schiffsleute in den Gebetsbänken saßen. Sie trafen Gruber und den Hilfspfarrer, der ihnen Plätze, nahe dem Chor zuwies, damit sie auch beim Singen mit dabei sein würden. Inzwischen füllte sich das Kirchenschiff zusehends. Die Ministranten läuteten und der alte griesgrämige Pfarrer begann mit dem Hochamt. Ganz zum Schluss, am Ende der Messe, so sagte der Hilfspfarrer, würde dann das Lied gesungen werden.  Da die meisten Gläubigen bereits wussten, dass die Orgel defekt war, sahen alle gespannt nach hinten zum Kirchenchor, wo sich auch der Lehrer Gruber, der Hilfspfarrer Mohr und die beiden vermeintlichen Mönche befanden. Es herrschte absolute Stille, so dass man ein Blatt fallen gehört hätte. Der Hilfspfarrer gab den Einsatz und dann erklang zum ersten Mal in einer Kirche dieses Weihnachtslied. Am Ende sagte Wolf leise zu Linda: „Weißt du jetzt, weshalb wir alle sechs Strophen des Liedes lernen mussten?“ Linda nickte stumm.  

Einige der Schiffleute kamen zum Hilfspfarrer und sprachen ihren Dank aus. Auch Wolf und Linda gingen noch zu den beiden und drückten ihre Anerkennung aus. Plötzlich zog Linda ein Briefmarkengroßes Teil mit einem Ohrhörer aus der Tasche ihrer Kutte heraus und hielt diesen dem Lehrer Gruber an sein Ohr. Der Lehrer wusste nicht wie ihm geschah. Da hörte er sein Lied aus diesem winzigen Knopf. Es waren viele Instrumente die da spielten und ein Chor, als ob die Engelschar aus dem Himmel herabgekommen wäre. Er hörte nur drei Strophen, und wäre das alles nicht inmitten der Kirche in Anwesenheit von zwei Mönchen geschehen, so hätte er an Teufelswerk geglaubt. „Was ist das? Wer seid Ihr?“ stammelte er verwirrt. Anstatt einer Antwort sagte Wolf zu ihm: “Im nächsten Jahr werden Sie das Lied auf einer Orgel spielen, Sie werden noch zehn Kinder bekommen und in fünfzehn Jahren in die Salinenstadt Hallein übersiedeln, wo Sie als Stadtpfarrchorregent wirken werden. Hier wo diese Kirche steht, da wo wir uns jetzt gerade befinden, wird in über einhundert Jahren eine Gedenkkapelle stehen, die den Namen Eures Liedes tragen wird. Und Ihr beide werdet auf Glasbildern in dieser Kapelle verewigt sein. Und so, wie Sie aus dem Nano I Pod von Bruder Lindus gerade gehört haben, wird Ihr Lied in zweihundert Jahren in aller Welt zu hören sein. Es freut mich sehr, dass wir Sie heute besuchen durften. Glauben Sie mir, wir haben einen sehr weiten Weg hierher zu Ihnen gehabt“.  „Wer seid Ihr? Um Christi Willen, sagt wer Ihr seid!“ „Von uns habt Ihr nichts Schlimmes zu erwarten, möge der Herr mit Euch sein“, sprach Wolf mit würdevoller Stimme. Linda fragte noch: „Darf ich Ihre Gitarre einmal kurz in die Hand nehmen?“ Der nun vollends durcheinander gebrachte Lehrer gab Linda das Instrument in die Hand, sie fuhr mit ihren Fingern darüber und ein paar Saitenklänge erfüllten die leere, schon fast finstere Kirche. Dann machten sie sich auf den Weg.

Sie gingen raschen Schrittes aus dem Gotteshaus. Durch den frisch gefallenen Schnee stapften sie zum Pfarrhaus hinüber und legten sich zur Ruhe. Der morgige Tag würde anstrengend werden und sie sollten ausgeschlafen sein. Bevor Linda unter die Decke schlüpfte, meinte sie noch:  „Als mir der Lehrer die Gitarre in die Hand gegeben hat, habe ich mit dem Fingernagel eine ganz kleine Kerbe auf der Rückseite an den Rand geritzt. Diese Gitarre befindet sich doch bei uns in der Salinenstadt im Museum und ich werde später einmal nachsehen, ob diese Kerbe wirklich auch noch dort ist“. „Bestimmt wirst du sie finden, es ist ja die Original Gitarre“, sagte Wolf bevor er einschlief.

 

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